hand touching glass

Uns erreichte vor einiger Zeit eine besondere Mail. Wir sprachen in unserer Jubiläumssendung über psychische Erkrankungen, die das Hobby beeinflussen. Mit Erlaubnis des Erstellenden, haben wir Euch die Geschichte einmal hier eingefügt.

Ich bin Ende 30 und heute gesund. Vor einigen Jahren war ich an einer depressiven Störung erkrankt. Wie sagte meine Therapeutin so schön: Der kleine Bruder der Depression.

Die Unterscheidung von verschiedenen depressiven Erkrankungen ist mit Sicherheit relativ fließend. Für mich galt, dass ich meinen Alltag, d.h. Aufstehen, Essen und Job halbwegs hinbekommen habe. Ohne jetzt zu tief in meine Gefühlswelt abtauchen zu wollen, ging es mir jedoch alles andere als gut.

Ich hatte mehrere Jahre eine Therapie, aber brauchte weder Medikamente und ein ambulanter oder stationärer Klinikaufenthalt waren nicht nötig. Vor allem hatte ich mich bei den ersten ernsthaften Symptomen unmittelbar um ärztliche Hilfe bemüht und hatte ein Glück, was vermutlich die allermeisten in Deutschland nicht haben werden: Ich fand sofort eine gute, für mich passende Therapeutin und sehr viel Unterstützung in meinem Umfeld.

D.h. alles was ich im Folgenden schreibe, sollte in diesem Kontext gesehen werden und basiert auf meinen individuellen Erfahrungen sowie teilweise auf persönlichen Beobachtungen. Diese Erfahrungen sind für einzelne vielleicht übertragbar, aber mit Sicherheit nicht für alle und jeden. Gerade bei schweren Depressionen macht man sich wohl eher Gedanken, wie man morgens aus dem Bett kommt, als wann man das nächste Mal eine Runde PnP spielt. Ich möchte gerade diese Krankheitsverläufe hier nicht relativeren oder ähnliches.  

Warum mache ich das hier überhaupt: In der Jubiläumsfolge von Dicenauts wurde die Thematik angesprochen. Ich finde sie, auch und gerade in Bezug auf unsere „Nerd-Hobbys“ wichtig. Einerseits weil diese Hobbys einige Möglichkeiten bitten können, wenn man genug Kraft hat, positive Energie wieder zu sammeln. Auf der anderen Seite, und das möchte ich hier auch nicht verschweigen, gibt es m.E. einige Risiken.

Soviel als (langes) Vorwort, und jetzt rein in die Thematik und zu meinen Erfahrungen:

PnP-Rollenspiele:

Seitdem ich zwölf bin, habe ich mit Unterbrechungen alle möglichen Rollenspiele gespielt und darüber viele Kontakte geknüpft, wechselnd als Spieler und als Spielleiter.

Als ich erkrankt bin, hatte ich gerade über zwei Jahre sehr regelmäßig in einer Gruppe gespielt. Mit meinem Krankheitsausbruch war für mich auf Schlag jede Form von PnP-Rollenspiel nicht mehr denkbar. Ich hatte einen enormen inneren Widerwillen und habe meine Runde sofort verlassen. Ich war schon von mir und meinem Leben gut ge- oder auch überfordert. Die Vorstellung in einer Runde mit Menschen, die ich mochte und deren Meinung mir wichtig war, in unmittelbare Interaktion zu gehen und mich dabei noch in einen anderen Charakter zu versetzen, hat mich verschreckt und akut überfordert. Ich konnte über meine ganze Therapie kein PnP-Rollenspiel mehr spielen und habe erst im vergangen Jahr wieder mal in eine Runde reingeschnuppert. Das hat viel Spaß gemacht und mit mehr Zeit und der passenden Runde ist das heute für mich ein Hobby, dem ich durchaus nochmal gerne nachgehen würde. Aber, wie so viel bei psychischen Erkrankungen, das ist sehr individuell: 

Ich habe vorher in der Runde eine gravierendere Depression eines Mitspielers miterlebt und auch nochmal in meinem weiteren Umfeld bei einer Rollenspielerin, mit der ich allerdings selbst in keiner Runde war. Beide haben trotz Erkrankung weiterhin gerne an den Spielrunden teilgenommen, vorausgesetzt sie hatten am jeweiligen Termin genug Kraft dazu. D.h. zumindest in ersten Fall hat der Mitspieler immer mal wieder, teilweise auch kurzfristig, Termine abgesagt. Wenn er dabei war, hat es aber unverändert viel Spaß mit ihm gemacht. An dieser Stelle möchte ich Werbung dafür machen: Sollte bei Euch jemand erkranken, der aber dennoch grundsätzlich weiterhin kommen wollen, haltet ihm (oder ihr) einen Platz frei ohne zu drängeln. Das kann für den- oder diejenige sehr wertvoll sein.

Brettspiele:

Ich habe immer sehr gerne Brettspiele gespielt, bin allerdings erst im Rahmen meiner Therapie so richtig tief eingestiegen. Das mag verwundern, wenn man bedenkt, was ich oben zur Interaktion mit meinem Umfeld geschrieben habe. Meine Methode, dass zu vermeiden war einfach: Ich habe wenig mit meinen Freunden gespielt, sondern bin zu öffentlichen Spieletreffen gegangen, die in meiner Stadt regelmäßig angeboten werden. Auch wenn das hart klingen mag, war mir dort die Meinung meiner Mitspieler über mich egal, was es viel leichter für mich machte. Ich kannte die Leute kaum. Small Talk war eher optional als gezwungen. Im Gegensatz zum Rollenspiel hat man während der Runden ein klares Regelkonstrukt und keine Improvisation. Gerade bei den klassischen Euro-Games nimmt es einem auch niemand übel, wenn man mal auf Interaktion mit den Mitspielern verzichtet und nur über seinen Zug brütet. Auch Frusterlebnisse sind eher selten. Wenn die Kraft mal gänzlich fehlt, muss man sich nicht großartig entschuldigen, dass man nicht da ist, sondern geht einfach wieder hin, wenn es eben geht. Gleichzeitig kommt man aber raus und hat, wenn auch abgeschwächt, soziale Kontakte und vielleicht noch das eine oder andere Erfolgserlebnis und etwas Spaß (und ja, Spaß kann man auch bei einer Depression empfinden). Dazu kommt eine Fokussierung auf eben das Brettspiel vor einem, fürs „Grübeln“ (fast jeder Depressive dürfte wissen, was ich meine) bleibt da kaum Raum.

LARP:

Ich bin seit gut 15 Jahren Gelegenheitslarper und habe das relativ unverändert während meiner Erkrankung fortgeführt. Darüber hinaus habe ich einige Menschen kennengelernt, die trotz viel heftigerer Depressionen, gerne und viel gelarpt habe. Teilweise waren welche dabei, die massiv Probleme hatten, ihren Alltag zu bewältigen, d.h. alles was mir noch erspart blieb, mussten sie komplett durchleben. Trotzdem haben sie es nicht nur geschafft, auf Con zu fahren und dort viel Spaß zu haben, sondern sie haben es über Wochen hinbekommen, sich darauf vorzubereiten.

Ich kann nur vermuten, woran das lag. Für mich war es ein Zurücklassen des „kranken Ichs“, was mir beim PnP nicht gelang, und eine viel immersive Flucht in eine andere Welt für ein verlängertes Wochenende. Meine Probleme blieben für einige Tage weitgehend zurück und es galt eher Orks zu bekämpfen. Mit Mitspielern habe ich der Zeit wenig OT – Privates besprochen, wozu ich sonst nicht unbedingt abgeneigt bin. Alles in allem: Eine klare Realitätsflucht. Als solche eigentlich nur eingeschränkt empfehlenswert, aber immerhin hat man Spaß, bewegt sich meistens an der frischen Luft und kommt unter Leute. Allerdings würde ich jeder /-m empfehlen, auf die Rahmenbedingungen zu achten. Für mich war ein Rückzugsort wichtig, d.h. eigenes Zelt oder ein Zimmer mit zumindest wenig anderen würde ich sehr empfehlen. Auch, wenn möglich, vielleicht alleine fahren, damit man notfalls einfach heim kann. Und wenn man persönliche Trigger hat, natürlich bei der Auswahl des LARPs darauf achten. Vielleicht dann doch lieber seichte Fantasy-Kost als Nordic-LARP oder Horror.

Eine gewisse Vorsicht würde ich außerdem walten lassen, wenn LARP zu viel Einfluss auf den Alltag hat. Sucht würde ich es nicht nennen, aber jeder LARPer wird vielleicht auf dem Con schon den einen oder anderen erlebt haben, der gefühlt seine Rolle nicht mehr verlässt.  

Tabletop:

Hier ist mein Erfahrungsschatz tatsächlich sehr klein. Ich sammele und male. Spielen tue ich viel zu selten. Als ich krank war hatte ich mit Tabletop rein gar nichts am Hut. Vorher hatte ich mal eine kleine WH40k-Armee, aber damals längst wieder verkauft. Erst einige Zeit später hatte ich mit X-Wing angefangen und mittlerweile sind noch ein paar Systeme dazu gekommen.

Heute weiß ich aber einen Hobbyaspekt sehr zu schätzen und zwar als Rüstzeug für die Psyche: Ich male nicht sonderlich gut, aber sehr gerne. Für mich ist das eine Form der Achtsamkeitsübung nach anstrengenden Tagen. Mir ist bewusst, dass viele dabei Serien laufen lassen, aber das ist mir meist schon zu viel. Ein Podcast oder Hörbuch dabei reicht mir völlig und strengt die Sinne nicht so an. Für jeden, der sich in einer Krankheitsphase damit versucht zu sammeln, würde ich allerdings sehr empfehlen: Achtet auf den Pile of opportunities. Wenn der zu groß wird und ein Pile of shame, könnte ich mir vorstellen, wandelt sich die Entspannung zu Stress und Überforderung. Kauft was Neues, wenn was angemalt ist.  

Auch beim Spielen wäre ich etwas vorsichtiger: Die unmittelbare Konfrontation mit dem Mitspieler, die unvermeidbaren Frustmomente und die notwendige Verbindlichkeit Spieltermine zu vereinbaren wären für mich damals nichts gewesen. Das ist aber, wie alles was ich schreibe, absolut individuell.

Gaming:

Wenn man so viele Hobbys hat, geht natürlich Daddeln nur noch eingeschränkt, sonst bliebe für das andere keine Zeit (und ich hatte und habe sogar noch Nicht-Nerdhobbys), d.h. ich spielte und spiele eher gelegentlich, wenn auch gerne. Um meine Ausführungen hier aber rund zu machen, möchte ich das Thema nicht außen vor lassen. Als ich meiner Therapeutin sagte, dass ich mir ein neues Notebook zum Spielen gekauft habe, war sie sofort in Habtachtstellung. Vermutlich wird selten ein Therapeut seinem Patienten empfehlen, mal eine Runde Diablo oder WoW zu daddeln. Die soziale Interaktion ist oft weitgehend eine Täuschung. Die Spielelemente massiv suchtfördernd und in vielen Bereichen aus der Glücksspielbranche abgekupfert (wer mal z.B. Genshin Impact gespielt hat, sollte sich mal Gedanken machen, warum das wohl Gacha-Game heißt). Die Realitätsflucht ist nur einen Knopfdruck entfernt und jederzeit reproduzierbar (z.B. im Vergleich zum LARP). Persönlich würde ich jedem empfehlen, Spielverhalten mit seinem Therapeuten zu thematisieren und im Auge zu behalten, so gut es gerade geht. Bestimmt lässt sich aber im Einzelfall da Positives draus ziehen, das mag vielleicht auch auf die Spiele ankommen.  

So. Viel geschrieben… und was steht irgendwie überall am Ende: Es ist individuell unterschiedlich. Damit möchte ich aber nicht schließen, sondern mit kurzen Appellen.

An Betroffene:                 Versucht Euch Hilfe zu holen! Mit einem gebrochen Bein geht man ins Krankenhaus, mit einer gebrochenen Psyche ebenfalls zum Arzt. Das heilt nicht gut von alleine. Und auch wenn es sich gegenwärtig nicht so anfühlen mag: Die Behandlungschancen und damit auch die Chancen für ein glückliches Leben sind wirklich gut. Ansonsten: Macht das, was Euch gut tut!

An Angehörige:                Seid da, seid geduldig, hört zu und achtet auf Eure Gesundheit! Solche Ratschläge wie „Versuch es mal mit Sport“ oder „Das wird schon wieder!“ sind nicht nur dumm, sondern für Betroffene nur Schläge. Und niemand erwartet, dass Ihr eure Freunde, Partner oder was auch immer therapiert. Das sollten Experten tun.  Achtet auf Eure Kraft und daher auch hier: Macht das, was Euch gut tut!

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Von Piwi

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